Berliner Zeitung 1.8.2019 

 

"Der Klimawandel ist längst die Überlebensfrage der Menschheit"

Entwicklungsminister Müller über Rüstung, Klimaflüchtlinge und die Kosten des Fortschritts

Für Frieden und Fortschritt wird nicht einmal ein Zehntel dessen ausgegeben, was für Rüstung aufgewendet wird", sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Ist die Entwicklungszusammenarbeit ein Stiefkind der Bundesregierung?

Herr Minister, in wenigen Wochen beginnen die Haushaltsberatungen im Bundestag. Die neue Verteidigungsministerin fordert höhere Rüstungsausgaben, will das Zwei-Prozent-Ziel rasch erreichen. Mit Ihrer Unterstützung?

Ich fordere die Einhaltung des Koalitionsvertrags. Darin ist für den Fall neuer finanzieller Spielräume vereinbart, dass die Ausgaben für Verteidigung und Entwicklungszusammenarbeit im Verhältnis 1:1 ansteigen sollen. Dies war bisher nicht der Fall.

Ihr Etat soll 2020 immerhin um 1,2 Prozent wachsen. Weshalb sind Sie nicht zufrieden?

Das stimmt, das ist viel Geld. Aber nicht nur die Verteidigungspolitik hat im nächsten Jahr zusätzliche Aufgaben zu erfüllen.

Für die Entwicklungspolitik reicht der bisherige Ansatz nicht aus. Ich habe dem Finanzminister mitgeteilt, dass es im Haushalt meines Ministeriums für das kommende Jahr eine Lücke von 650 Millionen Euro gibt und in den folgenden zwei Jahren mindestens weitere zwei Milliarden Euro fehlen.

Wenn es dabei bleiben würde: Was wäre die Folge?

Wir könnten internationale Zusagen nicht einhalten.

Ein Beispiel bitte!

Da geht es um die Krisenbewältigung und den Wiederaufbau, etwa im Jemen, im Irak oder im Krisenbogen Syrien. Im neunten Kriegsjahr ist dort die humanitäre Lage so dramatisch wie nie. Millionen Menschen leben unter extrem prekären Verhältnissen.

Kinder und Jugendliche brauchen weiter unsere Unterstützung für Schule und Ausbildung. Aber es geht auch um die wachsenden Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent, unter anderem die Unterstützung für die Sahel- und die Tschadsee-Region angesichts zunehmender Hitze und Dürre. Wir wollen unseren afrikanischen Partnern eine Innovations und Investitionsoffensive für Klimaschutzmaßnahmen, den Ausbau erneuerbarer Energie und eine Ausbildungsoffensive für Jugendliche anbieten. An diesen Stellen kann, darf und will ich nicht kürzen. Das Gleiche gilt im Übrigen für eine Finanzierungszusage der Kanzlerin, die wir einzulösen haben ...

Da geht es um die Zusage Deutschlands, die Mittel für den internationalen Klimaschutz bis 2020 zu verdoppeln ...

Und zwar von zwei auf vier Milliarden Euro. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen im kommenden Jahr zusätzlich 500 Millionen Euro finanziert werden - entweder aus dem Nationalen Klimafonds oder aus dem Bundeshaushalt. Wir brauchen da endlich Klarheit. Die Kanzlerin muss auf dem UN-Gipfel im September diese internationalen Klimamittel zusagen können.

Hört sich an, als solle die deutsche Energiewende nach Afrika exportiert werden.

Ob der Klimaschutz gelingt, entscheidet sich doch nicht allein in Deutschland, sondern in den großen Schwellenländern und in Afrika. Wenn dort jeder Haushalt Zugang zu Strom bekommen soll, und das wird passieren, müssten dafür 1 000 neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Das hätte fatale Auswirkungen auf das Weltklima. Afrika darf nicht zum schwarzen Kontinent der Kohleverstromung werden. Es muss zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien werden.

Schaut man sich die Planungen für den Entwicklungsetat in den nächsten Jahren an, stellt man fest: Die Mittel werden nicht steigen, sondern sinken. Täuscht der Eindruck, oder ist die Entwicklungszusammenarbeit so etwas wie das Stiefkind dieser Bundesregierung?

Seit 2015 ist die Haushaltsentwicklung sehr erfreulich. Der Stellenwert der Entwicklungspolitik wächst: Internationaler Klimaschutz, Welternährung und Migration - das sind die großen Herausforderungen. Unsere Projekte sind langfristig angelegt. Deshalb brauchen wir Planbarkeit und keine Achterbahnfahrt bei der Finanzplanung in den nächsten Jahren.

Aber im Finanzplan der Bundesregierung für die nächsten Jahre ist das nicht zu erkennen, oder?

"Der Klimawandel ist längst die Überlebensfrage der Menschheit"

Genauso ernsthaft, wie wir über die Steigerung des Verteidigungsetats sprechen, muss das international vereinbarte 0,7-Prozent-Ziel verfolgt werden. 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben - das bleibt unsere Zielmarke. Die weltweite Entwicklung der Rüstungsausgaben nehme ich mit Sorgen wahr.

Woran genau machen Sie das fest?

Die weltweiten Verteidigungsausgaben steigen massiv - auf 1 822 Milliarden Dollar. Das ist ein historischer Rekordwert, und entspricht gegenüber dem Jahr 2000 einer Steigerung um fast 75 Prozent. Parallel liegen die weltweiten Ausgaben für die

Entwicklungszusammenarbeit derzeit bei gerade 153 Milliarden US-Dollar und sind im letzten Jahr sogar um drei Prozent gesunken. Für Frieden und Fortschritt wird nicht einmal ein Zehntel dessen ausgegeben, was für Rüstung aufgewendet wird.

Dieses grobe Missverhältnis muss aufgelöst werden. Leider hat die Rüstung eine wesentlich stärkere Lobby als die Entwicklungszusammenarbeit.

Die Debatte ist jetzt in der Sommerzeit geprägt von der Klimafrage. Sollte der Klimaschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen werden?

Das kann man machen. Wichtig ist, dass wir deutlich mehr CO2 einsparen als bislang.

Wo würden Sie ansetzen?

Deutschland liegt zurück, die Ziele des Pariser Klimavertrags zu erreichen. Deshalb brauchen wir ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz. Ebenso wichtig ist, dass wir Vorreiter beim internationalen Klimaschutz sind. 98 Prozent der CO2-Emissionen finden außerhalb Deutschlands statt. Die Herausforderungen sind weltweit gewaltig und die Hebelwirkungen sind dort viel größer. Allein die unsägliche Zerstörung des Regenwaldes macht elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen

aus. Das müssen wir sofort stoppen.

Wird es in Zukunft mehr Klimaflüchtlinge geben?

Der Klimawandel ist längst die Überlebensfrage der Menschheit. Wenn wir konsequent auf Klimaschutz insbesondere in Afrika setzen, bekämpfen wir auch Hunger, Armut und Fluchtursachen. Schon jetzt gibt es in der Sahel- und der Tschadsee-Region

20 Millionen Klimaflüchtlinge. Bekommen wir die Erderwärmung nicht in den Griff, werden nach Expertenschätzungen in den nächsten 20 Jahren 100 Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Die Folge werden gewaltige Migrationsbewegungen sein.

Interview: Rasmus Buchsteiner

ZUR PERSON

Gerd Müller wurde 1955 in Krumbach/Schwaben geboren. Der Diplom-Wirtschaftspädagoge ist seit Dezember 2013

Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zuvor war er Staatssekretär im

Landwirtschaftsministerium.

Für die CSU saß Müller von 1989 bis 1994 im Europäischen Parlament. Dem Deutschen Bundestag gehört er seit 1994 an.

Rasmus Buchsteiner

 


Studien zum Klimawandel

Aus Utopia:

www.utopia.de

Neue Studie: Fleisch und Milch haben den größten Einfluss auf den Planeten

Eine neue Studie zeigt: Würden wir keine Tierprodukte mehr essen, bräuchten wir gerade mal ein Viertel aller landwirtschaftlich genutzten Flächen – und die Menschheit würde immer noch satt werden.

Eine umfassende neue Studie der englischen Oxford Universität zeigt, welchen Schaden die Landwirtschaft unserem Planeten zufügt – und kommt zu einem eindrucksvollen Ergebnis: Ohne Fleisch- und Milchprodukte könnten die Agrarflächen weltweit um bis zu 75 Prozent reduziert werden: eine Fläche so groß wie die USA, China die EU und Australien zusammen. 

Der Studie zufolge habe der Verzicht auf Fleisch und Milch den größten Einfluss auf unseren ökologischen Fußabdruck. Fleisch- und Milchprodukte lieferten nur 18 Prozent aller Kalorien und 37 Prozent der Proteine – benötigten für die Produktion aber den meisten Platz, nämlich 83 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Ihre Produktion macht außerdem mehr als die Hälfte (60 Prozent) der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft aus.

Sogar die Tierprodukte, die am wenigsten Einfluss auf die Umwelt hätten, verursachten der Studie zufolge immer noch mehr Umweltzerstörung, als die unnachhaltigsten Gemüse- und Getreidearten.

Umfassende Studie: 40.000 Agrarbetriebe in 119 Ländern

Die Ergebnisse basieren auf einem äußerst umfangreichen Datensatz: Untersucht wurden 40.000 Agrarbetriebe in 119 Ländern. Zudem analysierten sie alle möglichen Arten von Lebensmitteln, die 90 Prozent unserer Nahrungsmittel ausmachen.

Dabei bewertet die Studie den kompletten Umwelteinfluss dieser Lebensmittel vom Erzeuger bis zum Verbraucher: von der Landnutzung über die produzierten Klimagase, die Frischwassernutzung, die verursachte Wasser- und Luftverschmutzung.
Nicht nur die von der Tierproduktion verursachten Klimagase wirken sich negativ auf die Umwelt aus. (Foto: Unsplas unter CC0 - Stijn te Strake)

Veröffentlicht wurde die Untersuchung in der Fachzeitschrift Science, sie gilt als eine der wichtigsten Wissenschaftszeitschriften weltweit.

Nicht nur die Treibhausgase zerstören die Umwelt

„Eine vegane Ernährung ist wahrscheinlich die effektivste Weise unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Denn es geht nicht nur um die verursachten Treibhausgase, sondern auch um die weltweite Übersäuerung der Böden, die Überdüngung der Gewässer und die Land- und Wassernutzung“, sagt Joseph Poore gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian. Er ist der Leiter der Studie an der Oxford Universität in Großbritannien.

Sich vegan zu ernähren hätte „einen weitaus größeren Einfluss, als wenn man sich ein Elektroauto kauft oder weniger fliegt. Diese Faktoren reduzieren lediglich Treibhausgase, berücksichtigen andere Umwelteinflüsse aber nicht.“ Und weiter: „Die Landwirtschaft ist der Sektor, der eine Vielzahl an Umweltproblemen vereint.“ In Wahrheit sei die Produktion von Fleisch und Milchprodukten verantwortlich für viele dieser Probleme. „Auf Tierprodukte zu verzichten bringt deshalb weit mehr, als der Versuch nur nachhaltig produzierte Fleisch- und Milchprodukte zu erwerben.“

Das zeigt der Vergleich der Produktion von Rindfleisch mit pflanzlichem Protein wie etwa Bohnen: Sogar das Rindfleisch mit dem niedrigsten Umwelteinfluss verursache laut Studie sechs Mal mehr Treibhausgas und bräuchte 36 Mal mehr Fläche als die gleiche Menge Bohnen.

Dennoch geht aus der Studie hervor, dass die Art und Weise wie tierische Produkte produziert werden, ebenfalls eine Rolle spielt. So verursache die Haltung von Rindern auf abgeholzten Flächen zwölf Mal mehr Treibhausgase und benötige 50 Mal mehr Fläche als die Haltung auf natürlichem Weideland.

Wir müssen nicht alle gleich vegan werden

Die großen Schwankungen der unterschiedlichen Produktionsmethoden zeigt: Wir können unseren ökologischen Fußabdruck auch reduzieren, ohne dass die gesamte Weltbevölkerung vegan werden muss. Dazu müsste die Hälfte an Fleisch- und Milchprodukten, die den meisten Schaden anrichten, durch pflanzliche Produkte ersetzt werden, so Poore. Das würde immer noch zwei Drittel des Effekts ausmachen, den man hätte, wenn wir komplett auf tierische Produkte verzichten würden.

Wie kann man die Landwirtschaft veganer machen?

Um das umzusetzen fordert Poore ein Siegel, an dem Verbraucher erkennen, welche Lebensmittel am wenigsten Schaden anrichten. Zudem seien Zuschüsse für die Produktion nachhaltiger und gesunder Lebensmittel nötig. Auch eine Steuer auf Fleisch und Milchprodukte sei empfehlenswert.

Unter Experten erntet die Studie großes Lob. Durch den großen Datensatz seien die Schlussfolgerungen viel robuster. Dr. Peter Alexander, von der University of Edinburgh in Großbritannien meint gegenüber dem Guardian aber auch, man müsse wegen der Ergebnisse nicht über Nacht zum Veganer werden, sondern sie als Anlass nehmen unseren Fleisch- und Milchkonsum zu mäßigen.


Luisa Neubauer von Fridays for future im Gespräch mit Georg Ehring

 

Georg Ehring:   Luisa Neubauer, seit einem halben Jahr streiken jetzt die Schülerinnen und Schüler freitags für den Klimaschutz. Jetzt geht das Schuljahr zu Ende, hier in Berlin sind ja schon Ferien. Fridays for Future hat große Aufmerksamkeit bekommen und zumindest in Deutschland ist der Klimaschutz zum Topthema geworden. Welche Note bekommt denn das Halbjahr aus Ihrer Sicht? Was hat es gebracht?

Luisa Neubauer:   Welche Note bekommt wer, ist die Frage. Viele junge Menschen, die ununterbrochen mit großem persönlichem Einsatz mobilisiert haben, sollten die besten Noten bekommen, wenn man das so framen möchte, die Regierung hingegen stark versetzungsgefährdet, würde ich denken.

Ehring:   Sie werden ja von der Politik gelobt, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Sie schon gelobt und viele Politiker versprechen, dem Klima mehr Beachtung zu schenken, das tun sie auch, aber die Klimapolitik des vergangenen Halbjahrs benoten Sie trotzdem schlecht.

Neubauer:   Ja, klar, weil was wir erlebt haben, sind vor allem ganz, ganz viele leere Worte und Ankündigungen ohne Folgen und das ist nicht, was reicht. Das ist nicht, was diese Klimakrise von uns verlangt.

Ehring:   Was verlangt die Klimakrise von uns? Was muss passieren und wie schnell muss das passieren?

Neubauer:   Wir brauchen eine drastische Emissionsreduktion, und zwar ab sofort und dann so konsequent und effizient und effektiv wie möglich.

Ehring:   Politik und Industrie sagen immer, so etwas braucht Vorlauf. Warum sind Sie so ungeduldig?

Neubauer:   Wir sind nicht ungeduldig, wir gucken uns an, was die Wissenschaft sagt, und die setzt uns ganz klare Limits und setzt uns zeitliche Grenzen, und daran orientieren wir uns. Und wenn andere vielleicht von Ungeduld sprechen, sprechen wir von Realismus und von einer Situation, die noch niemals krasser war in der Menschheitsgeschichte.

„Gerechter, nachhaltiger, aber vor allem schneller Kohleausstieg“

Ehring:   Politik bringt ja selten schnelle Ergebnisse, und über den Klimaschutz wird seit langen Jahren debattiert. Der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sagte zum Beispiel: „Das ist ein Marathon, kein Sprint“, sprich: Schnelle Ergebnisse gibt es nicht. Was sollte denn jetzt aus Ihrer Sicht ganz schnell passieren? Was sind Schritte, die man ganz schnell umsetzen könnte?

Neubauer:   In Deutschland wäre das ein gerechter, nachhaltiger, aber vor allem schneller Kohleausstieg. Das ist, was jetzt schnell gemacht werden kann, ohne große Kosten und mit großartigen Wirkungen.

Ich kenne das Zitat von Ban Ki-moon zu Marathon und Sprint. Ich glaube, die Assoziation dazu im Kopf ist halt schnell trügerisch. Es impliziert irgendwie, wir müssen uns jetzt gemächlich auf den Weg machen mit langem Atem und unsere Energie da gut einteilen. Das entspricht aber nicht der Klimakrise, wie wir sie gerade erleben, denn die erfordert, dass wir jetzt richtig loslegen und im Zweifel sehr lange sprinten.

Vielleicht müssen wir uns auch in der Marathon-Debatte oder in der Marathon-Metapher bewusst werden, dass, wenn die Klimakrise oder der Kampf gegen Klimazerstörung ein Marathon ist, dann haben wir gerade einen halben Meter zurückgelegt.

„Kohleausstieg bis 2030 geht energiewirtschaftlich“

Ehring:   Kohleausstieg steht ja im Zentrum Ihrer Forderungen. Wie soll das laufen und bis wann muss der abgeschlossen sein aus Ihrer Sicht?

Neubauer: Wir fordern basierend darauf, was uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als machbar, finanzierbar und realisierbar erklärt haben, einen Kohleausstieg bis 2030, der vor allem so schnell wie möglich in den ersten Schritten eingeleitet werden muss. Da reicht es nicht zu sagen, 2028 kümmern wir uns darum, sondern es müssen jetzt, dieses Jahr noch die ersten Meiler vom Netz gehen.

Das geht auch energiewirtschaftlich und das ist ein wahnsinnig herausfordernder Prozess. Den hätte man vor 20 Jahren einleiten müssen, dann wäre es deutlich einfacher gewesen und nicht so disruptiv, wie das jetzt sein wird, aber es ist unverzichtbar.

Ehring:   Was kommt dazu? Die Kohle ist ja vielleicht ein Drittel der CO2-Emission.

Neubauer:   Genau, das reicht natürlich nicht. Neben der Energiewende brauchen wir Mobilitäts- und Agrarwenden, die daran anschließen, die in der Umsetzung noch einmal komplexer sind, aber im Zweifel vielleicht mehr Gestaltungsspielraum lassen. Da braucht es jetzt kluge Konzepte, wie wir in der Landwirtschaft und im Verkehr massivst Emissionen reduzieren können.

Ehring:   Haben Sie denn solche Konzepte zum Beispiel für den Verkehr?

Neubauer:   Nein, aber das ist auch, glaube ich, gar nicht unser Job. Wir führen ja da verschiedene Debatten. Das eine ist eine technische Debatte, dazu wie zum Beispiel Energiewende technisch gelingen kann. Dann gibt es die Policy-Debatte. Das sind sozusagen die Policy-Maker, die da gefragt sind, die Policy-Expertinnen und -Experten, die die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit überhaupt unsere technologischen, unsere Innovationsantworten greifen können, und dann gibt es eine Debatte auf der politischen Ebene und da geht es um politischen Willen. Und das ist da, wo Fridays for Future aktiv ist. Das ist da, wo wir etwas anstoßen wollen und müssen.

„Zero Carbon erfordert Veränderung in jedem Lebensbereich“

Ehring:   Das heißt, wenn es um die Umsetzung geht, dann müssen dann doch die Profis ran, wie Christian Lindner so sagte?

Neubauer:   Da sollen auf jeden Fall die Profis ran, das ist doch, worum es geht. Es wäre absurd zu erwarten, dass junge Menschen wie ich, die Anfang 20 sind, die Konzepte vorlegen müssten, wie man eine gesamte landwirtschaftliche Branche praktisch revolutioniert. Das würde ich mir überhaupt nicht anmaßen wollen und es wäre auch überhaupt nicht hilfreich in dieser Situation.

Das heißt aber viel mehr, dass jetzt noch andere gefragt sind, sich einzubringen. Es reicht halt nicht zu sagen, oh ja, die jungen Menschen kümmern sich um die Klimakrise, prima. Nein, im Gegenteil, da sind alle gefragt mit Kreativität und mit Input und mit ganz, ganz viel Ambitionen, sich jetzt einzubringen und Antworten zu liefern, wo wir sie brauchen.

Ehring:   Die Radikalität, mit der Sie die Klimawende fordern, weckt ja auch Ängste. Wenn man von Ernährungswende redet, die Menschen bangen darum, dann kein Fleisch mehr essen zu sollen, wenn man um Mobilitätswende redet, nicht mehr in den Urlaub fliegen zu wollen. Was sagen Sie dazu? Muss das wirklich sein, muss man auf Wohlstand verzichten?

Neubauer:   Ich glaube, dafür müsste man einmal definieren, was denn eigentlich Wohlstand ist. Wenn Wohlstand bedeutet, endlos konsumieren zu können und dabei unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören, finde ich das eine tragische Definition. Wir führen ja in meinen Augen eine Debatte, die sich weit weg von dem bewegt, was gerade im Wesenskern passieren müsste.

Eine Transformation der Gesellschaft im 21. Jahrhundert hin zu einer Zero-Carbon-Gesellschaft erfordert Veränderung in jedem Lebensbereich. Das bedeutet auch, dass wir hinterfragen, was Wohlstand, was Wachstum, was ein gutes Leben für uns bedeutet. Dass wir uns jetzt an Fragen aufhängen wie, wie oft dürfen wir fliegen, ist verfehlt, was gerade passiert, nämlich dass wir praktisch alles verändern, jeden Lebensbereich, jeden Wirtschaftsbereich, emissionsfrei gestalten müssen.

"Bahnnetz so ausbauen, dass Fliegen unnötig wird"

Ehring:   Aber wenn wir zum Beispiel den Lebensbereich Reisen verändern, dann verändern wir doch auch die Häufigkeit, mit der wir fliegen können, oder nicht?

Neubauer:   Das ist natürlich eine privilegierte Debatte. Ich meine, wie viele Menschen können sich es leisten zu fliegen? In Deutschland zu viele. Wenn wir ernsthaft über Fliegen sprechen wollen, dann müssten wir überlegen, was zum Beispiel im deutschen Inland geflogen wird, das sind, glaube ich, 80 Prozent Businessflüge. Natürlich stellt sich da die Frage, ist das notwendig, aber das hat nichts mehr mit Reisen zu tun, sondern die Frage, wie wir Mobilität gestalten und wie selbstverständlich es ist, dass man von Konferenz A zu Konferenz B fliegt innerhalb eines Landes, wo der Zugverkehr vergleichsweise gut ausgebaut ist. Also die ersten Fragen, die da gestellt werden müssten, sind eigentlich solche.

Dass man das politisch für sich nutzt, emotionalisiert und den Menschen erklärt, sie können nicht mehr nach Mallorca fliegen, ist im Zweifel nicht mehr als Kalkül.

Ehring:   Wie soll das denn dann laufen? Sind Sie dafür, dass Inlandsflüge verboten werden oder gestoppt werden?

Neubauer:   Wenn man ein Bahnnetz so ausbauen und aufbereiten würde, dass es verlässlich die Kapazitäten auffangen könnte und Fliegen praktisch unnötig wird, gleichzeitig Fliegen entsprechend bepreist wird, dass die Kosten gedeckt werden können, glaube ich, stellt sich die Frage nicht mehr so richtig, weil dann stellen wir fest, dass Fliegen im Vergleich wahnsinnig teuer wäre und die Bahnreise entsprechend komfortabel und günstig.

„Der Elefant im Raum ist die Infrastruktur, die CO2 verballert“

Ehring:   Aber das heißt auch, wenn schnelle Lösungen gefragt werden, schnelle Umstellung des Verbrauchers ist dann doch nicht so dringend, dass der Verbraucher persönlich Konsequenzen daraus zieht, ich sehe jetzt ein, das Klima ist ein ganz drängendes Problem, ich stelle mein eigenes persönliches Leben deshalb um und erzeuge möglichst wenig CO2, zum Beispiel indem ich nicht mehr fliege?

Neubauer:   Das ist immer gut, keine Frage, aber das kann ja nicht die Antwort sein auf die Herausforderung, die im Raum steht. Der Elefant im Raum ist die Infrastruktur um uns herum, die CO2 verballert, als gäbe es kein Morgen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das fängt mit der Energiewirtschaft an und mit unseren Verkehrs- und Landwirtschaftssystemen.

Dass dann einzelne Menschen sagen, ich fange schon einmal an, ich gehe praktisch in Vorleistung und ich verändere etwas, ist nett, aber wie gesagt, das kann nur ein Teil von etwas ganz Großem sein, was sich am politischen Willen und entsprechenden Policies aufhängt.

Ehring:   Wie halten Sie es denn da in der Hinsicht persönlich? Verändern Sie etwas an Ihrem Verhalten oder haben Sie etwas verändert?

Neubauer:   Ja, ich bin seit fast zehn Jahren, glaube ich, Vegetarierin und mittlerweile ernähre ich mich zum Großteil vegan. Ich fliege superselten, habe kein Auto und lebe ein Leben, was ich jetzt aber nicht irgendwie als verzichtsgeleitet empfinde, sondern was ich als lebenswert im Zweifel empfinde. Es ist großartig, Fahrrad fahren zu können und nicht im Stau stecken zu müssen. Es ist schön, Bahn zu fahren. Ich finde es wesentlich komfortabler als jede Fliegerei. Ich glaube, auch da müssten wir uns noch einmal ein bisschen tiefer fragen, was wir denn eigentlich für eine ökologische Zukunft wünschen.

Emissionen zu bepreisen „kann extrem wirksam sein“

Ehring:   Was für eine ökologische Zukunft wünschen Sie sich? Können Sie das ein bisschen mit Inhalt füllen?

Neubauer:   Ich glaube, eine gute ökologische Zukunft wäre zum Beispiel eine, in der das Klima zu schützen kein Privileg mehr ist, in der es nicht teurer ist, regionale und faire Produkte zu kaufen, in der der Alltag nicht gefüllt ist von Verschwendung und dem Akt des Wegwerfens, sondern des Wiederbenutzens, der geschlossenen Kreisläufe, der Wertschätzung gegenüber Naturräumen, die von uns geschützt werden, weil wir davon abhängen.

Ehring:   Im Deutschlandfunk hören Sie das Interview der Woche mit Luisa Neubauer, Klima-Aktivistin bei Fridays for Future, und ich möchte jetzt noch einmal auf die Realpolitik zu sprechen kommen. Es gibt den Vorschlag der CO2-Steuer bzw. Ausweitung des Emissionshandels, die die Emissionen von CO2 deutlich verteuern würden und die Verbraucher, die Investoren können dann selber entscheiden, wo sie die Emissionen einsparen. Ist das der Königsweg? Viele Wissenschaftler fordern das ja, und auch Politiker.

Neubauer:   Genau, und weil das viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern, also eine überwältigende Mehrheit, mit denen wir gesprochen haben, empfiehlt das, deswegen fordert es auch Fridays for Future, und zwar die Einführung eines Emissionsbepreisungskonzeptes, ob das jetzt eine Besteuerung ist oder ein Zertifikathandel, sei noch einmal dahingestellt, und zwar noch dieses Jahr.

Das ist nicht die Antwort auf die Klimakrise, aber eine schnelle Maßnahme, die viele als vielversprechend erklären, und wir sehen zum Beispiel an Ländern wie Schweden oder der Schweiz, dass es funktionieren kann. Auch England hat das, also unfassbar viele europäische Länder zum Beispiel bedienen sich dieser Instrumente und stellen fest, dass das extrem wirksam sein kann, wenn es gut durchgeführt wird und eingesetzt wird.

Was nicht hilft, ist jetzt in den Raum zu stellen: Leute, für jede, weiß ich nicht, weitere Scheibe Käse, die ihr dann konsumieren werdet, werdet ihr jetzt so und so viel Euro mehr bezahlen. Das ist Panikmache und entspricht nicht den Möglichkeiten dieses Mechanismus.

„In Schweden hat eine CO2-Besteuerung gut funktioniert“

Ehring:   Aber teurer wird es dann für die Verbraucher ja schon, zumindest manches. Muss man ihnen das nicht auch sagen?

Neubauer:   Wir müssten anfangen einen reellen Preis für die Klimazerstörung zu zahlen, die wir gerade praktisch jeden Tag voranbringen. Ob das der Verbraucher oder die Verbraucherin am Ende zahlt, ob das der Staat tut oder die Steuerzahlerin oder der Steuerzahler, ist eine Gestaltungsfrage. In Schweden zum Beispiel hat eine CO2-Besteuerung gut funktioniert, weil gleichzeitig unbeliebte Steuern abgeschafft wurden und eine grundsätzliche Veränderung der Besteuerung im ganzen Land das praktisch mit aufgenommen hat, sodass am Ende nicht die Gefahr im Raum stand, Leute gehen jetzt auf die Straße für einen CO2-Preis, den sie als ungerecht empfinden, sondern Menschen waren zufrieden mit einer Verbesserung der gesamten Besteuerung im Land.

Ehring:   In der Politik muss das Thema Klima mit anderen Themen konkurrieren. Sie setzen ausschließlich auf das Thema Klimaschutz. Inwieweit sind Sie kompromissbereit, wenn es zum Beispiel um Arbeitsplätze geht, in der Kohlewirtschaft zum Beispiel oder auch in der Autoindustrie?

Neubauer:   Wenn Sie damit implizieren wollen, dass man jetzt anfangen müsste, mit den geophysikalischen Umständen zu verhandeln, dann muss ich Sie enttäuschen, das geht einfach nicht. Ich finde es erschreckend, wie sehr die Politik ihre eigene Gestaltungsmacht infrage stellt. Natürlich ist es wahnsinnig herausfordernd und keine Frage, vor allem belastend für Menschen, die gerade zum Beispiel in der Kohlebranche beschäftigt sind, was jetzt an Veränderung ansteht, aber es wäre doch fatal von der Politik, zu behaupten, dass das jetzt nicht machbar sei oder dass wir jetzt als Gesellschaft diese Veränderungen nicht angehen können, weil sie zu wenig Kreativität und Einfallsreichtum haben, sich diesen Herausforderungen auch im Arbeitsbereich zum Beispiel zu stellen. Das ist doch die Frage von politischem Wille an der Stelle.

„Wir stellen hier viel infrage“

Ehring:   Sie selbst sind Studentin der Geografie. Wie sind Sie zu Fridays for Future gekommen?

Neubauer:   Ich habe Greta in Polen kennengelernt bei der Klimakonferenz und fand das Streikkonzept sehr einnehmend und bin nach Berlin gefahren und dachte, vielleicht müssten wir hier streiken. Glücklicherweise war ich nicht alleine, sondern auch andere Menschen im ganzen Land hatten ähnliche Ideen zur gleichen Zeit, und wir haben uns zusammengeschlossen. Ich glaube, entscheidend ist schon, dass da jemand war, der das Format Klimastreik so in den Raum gesetzt hat und entsprechend vorlebt, who knows. Ich glaube, an der Stelle können wir nur dankbar sein, dass sich das so entwickelt hat.

Ehring:   In der Bewegung Fridays for Future, das ist ja vor allem eine Schülerbewegung, eine Bewegung jüngerer Leute vor allem. Ältere sind unterrepräsentiert und von Manchen schlägt Ihnen blanker Hass entgegen. Wie gehen Sie damit um?

Neubauer:   Hass ist da und gerade in der heutigen Zeit, wo wir so viel digital unterwegs sind, sehr präsent im Zweifel. Ich habe das große Privileg, dass ich ganz viel Unterstützung erfahre, was zum Beispiel die juristische Begleitung davon betrifft. Ich mache mir große Sorgen um Menschen, die weniger Unterstützung erfahren, gerade Frauen, die überproportional betroffen sind von Hass im Netz, und wünsche mir, dass wir da noch stärker digitale Räume mit Zuversicht und Sympathie und Toleranz und Friedfertigkeit verteidigen.

Ehring:   Haben Sie eine Erklärung für den Hass?

Neubauer:   Was uns als Bewegung oder mich persönlich betrifft, stellen wir hier viel infrage, auch vor allem den Status quo, und das zu sagen macht Menschen angst, weil dadurch ein Kontrollverlust befürchtet wird, und in manchen Fällen schlägt das dann um in so einer Art Abwehr durch Hass.

Aufruf zum Generalstreik am 20. September

Ehring:   Wie wollen Sie denn die Älteren gewinnen? Die Klimaschützer sind jetzt eine Jugendbewegung, es gibt dann die Scientists for Future, es gibt die Parents for Future, aber das sind doch noch relativ wenige. Wie wollen Sie das ändern?

Neubauer:   Zum Einen sehen wir natürlich, dass es immer mehr werden, Sports for Future, Artists for Future, Creators for Future, Companies for Future auch, also auch die Wirtschaft, die sich da mittlerweile noch viel deutlicher auf unsere Seite stellt. Entscheidend ist, dass sich viele Menschen, die, glaube ich, gerade ein ganz gutes Gefühl haben von, ja, die jungen Menschen kümmern sich ja, dass genau diese Menschen begreifen, dass das hier kein Generationenjob ist.

Es ist nicht der Job einer Generation, sondern einer gesamten Gesellschaft, und da sind alle gefragt. Wie ich eingangs erklärt habe, zum Beispiel Menschen, die Policy-Antworten liefern können, die Konzepte liefern können, Menschen, die wirtschaftliche Antworten bieten, die in allen Teilbereichen, die betroffen sind von dieser großartigen Transformation, mitmischen und sich einbringen, und genau die laden wir ein, am 20. September mit uns zu streiken und darüber hinaus aber auch sich einzubringen, wenn es darum geht, Antworten zu finden auf die großen Fragen unserer Zeit.

Ehring:   Was planen Sie für den 20. September genau?

Neubauer:   Am 20. September ist der nächste große internationale Streik, und wir rufen ganz explizit wirklich alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf, mit uns zu streiken, und zwar sich an dem Tag dann im Zweifel freizunehmen, sich freistellen zu lassen, einen Betriebsausflug zu planen, wie auch immer das geht, eine verlängerte Mittagspause oder was auch immer gerade machbar ist, zu tun, um auf den Straßen eine großartige Präsenz zu zeigen und auch zu demonstrieren, wie unfassbar groß der Druck auf die Regierung ist mittlerweile, die seit über sechs Monaten verspricht, sie würde handeln und ein Land hinhält, eine Gesellschaft, die längst bereit ist für Veränderung, für eine klimafreundliche Zukunft, nicht in dem Sinne an die Wand fahren zu lassen.

Der Druck auf die Regierung ist mittlerweile enorm, und das sehen wir überall und das werden wir am 20. September auch ganz deutlich zeigen.

„Die große Handlungsverweigerung seitens der Regierung“

Ehring:   Sie selbst sind Mitglied der Grünen und Ihre Forderungen werden am ehesten noch von den Grünen geteilt, teilweise auch von den Linken. Wie parteinah ist Fridays for Future?

Neubauer:   Fridays for Future ist überparteilich. Was wir sehen, ist, dass einige Parteien unsere Ideen und Vorschläge bereitwilliger aufgreifen als andere, und tragischerweise sind die großen Verweigerer gerade in der Regierung und das ist offensichtlich. Fridays for Future ordnet sich jetzt aber keiner bestimmten Partei zu.

Ehring:   Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen Parteien, gerade zu den Regierungsparteien und auch zu den anderen Oppositionsparteien?

Neubauer:   Wir sprechen mit allen demokratischen Parteien. Wir sind mit allen demokratischen Parteien, die das 1,5-Grad-Ziel akzeptieren, im Gespräch und appellieren an alle gleichermaßen, erleben aber die große Handlungsverweigerung seitens der Regierung, nicht allen Mitgliedern der Regierung, klar. Da gibt es viele, die große Lust haben, mal zu liefern, aber an den entscheidenden Schaltstellen, da wo die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sitzen, erleben wir etwas, was an Klimaignoranz grenzt, und scheinheilige Antworten, Ausreden und ein fast populistisches Verhalten gegenüber Klimaschutz.

Ehring:   Wenn Sie sagen, mit allen demokratischen Parteien, dann meinen Sie alle Parteien im Bundestag außer der AfD?

Neubauer:   Genau.

Ehring:   Und mit denen reden Sie gar nicht, weil sie nichts mit dem Klimaschutz zu tun haben wollen oder wie ist das Verhältnis da?

Neubauer:   Ich habe noch nicht mit der AfD gesprochen, ich weiß aber andere von Fridays for Future schon. Wir hatten zum Beispiel vor einigen Wochen in Berlin einen Runden Tisch organisiert mit Mitgliedern aus allen Fraktionen, und da hatte die AfD nach einer ersten Absage dann kurzfristig doch entschieden, vorbeizukommen.

Ich habe vor langer Zeit aufgehört mit Klimaleugnerinnen und Klimaleugnern zu sprechen. Das ist in meinen Augen niemandes Zeit wert, und entsprechend disqualifiziert das viele AfD-Mitglieder für diese Debatte.

„Soweit wir das sehen, wird es weiterhin Streiks geben“

Ehring:   Wenn man jeden Freitag streikt, schafft das anfangs Aufmerksamkeit, auch durch den Regelbruch. Es gab ja die Debatte über die Schulpflicht auch, aber irgendwann geht es auf die Noten. Wie soll es im nächsten Halbjahr weitergehen, im nächsten Schuljahr? Bleibt es bei Freitagsstreiks während der Schulzeit oder überlegen Sie auch andere Aktionsformen?

Neubauer:   Soweit wir das jetzt sehen, wird es auf jeden Fall weiterhin Streiks geben. Die jungen Menschen sind unfassbar motiviert. Man muss sich das vorstellen, dass viele von uns gerade über sich selbst hinauswachsen und Dinge vollbringen, die von vielen für unmöglich gehalten wurden. Was wir im Kern ja wirklich nur machen, ist die Regierung aufzufordern, ihre eigenen Ziele einzuhalten, das ist so banal. Es ist so erschreckend, dass wir immer noch auf der Straße stehen müssen und an den gleichen Hürden stehen und die Türen immer noch geschlossen sind.

Das Einzige, was sich verändert hat, ist, dass mittlerweile immer mehr Leute sagen, dass sie Klimaschutz wichtig finden, aber nicht entsprechend handeln. Das heißt, das macht natürlich ganz viele junge Menschen auch extrem unzufrieden und lässt sie infrage stellen, was sich die Regierung gerade herausnimmt, mit vollem Bewusstsein, so dermaßen unsere Zukunft zu terrorisieren.

Ehring:   Fridays for Future ist eine Einpunktbewegung. Es gibt aber außer dem Klima noch viele andere Probleme in der Umwelt, das Artensterben, Plastikmüll, es gibt Ungleichheit bei uns, Ausbeutung von Entwicklungsländern, Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken. Bleiben Sie beim Klima als dem einzigen Thema Ihrer Bewegung oder gibt es Tendenzen in Richtung einer thematischen Ausweitung?

Neubauer:   Die Klimakrise ist der Kern der großen Herausforderungen unserer Zeit und in ihren Facetten unendlich. Wenn wir zum Beispiel von Geflüchteten auf dem Mittelmeer sprechen, dann stellen wir fest, dass viele auch flüchten, weil sie gerade ihre Lebensgrundlage verlieren, getrieben von zum Beispiel einer Klimakrise. Wir erleben, dass wirtschaftliche Ungleichheit zunehmen wird, weil einige Gebiete in Europa und weltweit überproportional beeinträchtigt sind von der Klimakrise. Wenn wir es nicht schaffen, die Klimakrise in den Griff zu bekommen und wirklich Antworten zu liefern, wirklich dieser enormen menschheitsgefährdenden Bedrohung etwas entgegenzustellen, dann werden wir keine andere Herausforderung nachhaltig meistern können.

Das heißt, ja, natürlich, wir brauchen Menschen, die sich auf die Klimakrise fokussieren, die dort immer und immer wieder Fragen stellen und immer wieder Handlungen fordern, wenn wir an irgendeiner anderen Stelle gewinnen wollen.

„Eine Regierung, die nicht gerade Erwartungen weckt“

Ehring:   Der Weltklimarat IPCC hat in seinem Sonderbericht zu 1,5 Grad Erderwärmung das Resümee gezogen, technisch sei das noch machbar. Ist es auch politisch noch machbar?

Neubauer:   Diese Frage stellen Sie doch gerne einmal an die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger. Wir erleben gerade eine Regierung, die nicht gerade Erwartungen weckt, aber die Ansprüche bleiben da.

Ehring:   Die Bundesregierung will bis zum Jahresende ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht und verabschiedet haben. Glauben Sie, dass das gelingt und dass da das drin steht, was erforderlich ist?

Neubauer:   Ich glaube schon, dass die Regierung mehr und mehr bemerkt, wie stark die Forderungen sind, nicht nur seitens der jungen Menschen, die vielleicht freitags auf den Straßen zu sehen sind, sondern seitens einer Gesellschaft, die viel weiter ist politisch im Mindset, als die Regierung das ist. Ich hoffe, die Regierung wird diesen Ansprüchen gerecht.

Ehring:   Wenn wir jetzt einmal zehn Jahre in die Zukunft schauen, was wird sich verändert haben, wie optimistisch sind Sie, dass sich da wirklich etwas verändert?

Neubauer:   Ich denke schon, dass sich etwas bewegt gerade und dass wir eine Art von Zeitenwende vielleicht erleben und ganz, ganz langsam einen Paradigmenwechsel anstoßen, was die Art und Weise betrifft, wie wir Klimapolitik denken. Die Frage ist schon, ob wir das schnell genug und effektiv genug gerade hinkriegen, aber noch sehe ich zumindest seitens vielen Akteuren aus der Gesellschaft, aus der Wirtschaft, dass da Bereitschaft im Raum steht.

Im besten Falle werden die nächsten zehn Jahre unfassbar herausfordernd und anstrengend, aber auch sehr belohnend und wir werden in zehn Jahren zurückblicken können und feststellen, dass wir, als wir noch gerade Zeit hatten, in genau diesen Jahren 2019/2020 die Chance ergriffen haben. Im schlimmsten Fall stehen wir auf einem Planeten, der schlimmer als je zuvor infrage stellt, ob er langfristig Menschen beherbergen kann.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 


Die Arktis brennt

Alaska erlebt derzeit eine Rekordhitze. Brände sind eine Folge.

  • Brände in der Arktis sind nicht ungewöhnlich. Aber in diesem Jahr wüten sie ungewöhnlich früh und stark.
  • Allein in Alaska wurden im diesem Jahr bereits 400 Feuer gezählt.
  • Auch in Sibirien ist die Lage besorgniserregend.

Die Hitzewelle in Europa mag vorerst vorbei sein, in der Arktis wütet sie weiter. Die Folge sind die schlimmsten Wald- und Tundrabrände, die diese Region jemals erlebt hat. Zwar sind Brände auch in der Arktis im Sommer normal, sie gehören zum natürlichen Zyklus des Ökosystems dazu. Aber dass sie auf so großen Flächen auftreten, so früh im Jahr und so weit nördlich, macht Wissenschaftler fassungslos.

Mit Temperaturen von 30 Grad und mehr bricht unter anderen der US-Bundesstaat Alaska alle bisherigen Rekorde. Schon im Juni war es so warm wie noch nie in diesem Monat, auch der Juli ist bislang enorme sieben Grad Celsius heißer als üblich. Die Hitzewelle hat ausgetrocknete Wälder hinterlassen, die hohen Temperaturen treiben Brände noch zusätzlich an. Und so brennt es seit Anfang Juni an immer neuen Orten, teils deutlich innerhalb des Polarkreises. Allein in diesem Bundesstaat wurden in diesem Jahr bereits 400 einzelne Feuer erfasst, rund 3600 Quadratkilometer sind bereits verbrannt.

Erderwärmung

 

Auch in Sibirien ist die Lage extrem, insbesondere in der Republik Jakutien im Nordosten. "Die arktischen Feuer im Juni waren beispiellos", sagt Mark Parrington vom europäischen Mittelfrist-Wettervorhersagezentrum ECMWF. Im Rahmen des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus verfolgt er mit Satelliten Vorgänge in der Atmosphäre, unter anderem die Emissionen von Wald- und Buschbränden. Die Satelliten messen dabei die Oberflächentemperatur, anhand von Modellen wird daraus berechnet, wie viel CO₂ freigesetzt wird. Seit 17 Jahren gibt es diese Beobachtungen. In dieser Zeit, sagt Parrington, habe man immer wieder Brände innerhalb des Polarkreises gesehen, aber nie so früh im Jahr und in diesem Ausmaß.

Der Rauch der Brände zieht um die Welt - und verstärkt die Erwärmung in der Arktis

In den vergangenen Wochen ist einiges an CO₂ zusammengekommen, zumal teils torfreiche Böden betroffen sind, in denen viel Kohlenstoff gespeichert ist. Wie viel CO₂ genau frei wird, wenn dort ein Oberflächenfeuer brennt, ist schwer zu beziffern. Die Analyse eines früheren Riesen-Tundrabrands am Anaktuvuk River in Alaska ergab im Jahr 2011, dass 60 Prozent des durch das Feuer abgegebenen Kohlenstoffs aus dem Boden stammten. Die Copernicus-Forscher kamen mit ihren Modellen auf 50 Megatonnen CO₂, die allein im Juni durch die Brände frei wurden, ungefähr so viel wie die jährlichen Emissionen von Schweden. In den ersten Julitagen kamen weitere 19 Megatonnen hinzu.

Das muss die globale CO₂-Bilanz noch nicht komplett verhageln, zumal die Pflanzen derzeit auch voll in der Wachstumsphase sind und viel CO₂ aufnehmen. Aber es ist spürbar - umso mehr, wenn solche Brände in der Arktis künftig häufiger werden.

Hinzu kommt ein sich selbst verstärkender Effekt: Der Rauch der Brände zieht um die Welt, teils bis nach Europa. Vor allem in der ohnehin rasant wärmer werdenden Arktis verteilen die Feuer Rußpartikel, die sich auf die verbleibenden Schnee- und Eisflächen legen. Das führt dazu, dass diese mehr Sonnenstrahlung absorbieren und noch schneller schmelzen, was die Arktis zusätzlich erwärmt.

"Die Rekordhitze in Alaska ist ein Fingerzeig, was noch kommt und was schon jetzt geschieht", sagte der US-Klimawissenschaftler Michael Mann in einem auf Youtube verbreiteten Interview. "Wir sehen jetzt wirklich gefährliche Folgen des Klimawandels im Alltag." Und noch ist es nicht vorbei. Das globale Waldbrand-Informationssystem des ECMWF prognostiziert für Jakutien und Alaska weiter ein hohes Risiko. Der Höhepunkt der Brandsaison ist normalerweise im Juli oder August, erst danach könnte sich die Lage entspannen.

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Auszug aus einer Predigt von Martin Luther King:

Es läuft wirklich auf das hinaus: dass alles Leben miteinander in Wechselbeziehung steht. Wir sind alle in einem unentrinnbaren Netz der Gegenseitigkeit gefangen, in eine einzige Hülle des Schicksals gebunden. Was immer einen direkt betrifft, betrifft indirekt alle. Wir sind dafür geschaffen, zusammenzuleben, das liegt an der ineinandergreifenden Struktur der Wirklichkeit. Hast du dir je darüber Gedanken gemacht, dass du des Morgens nicht zur Arbeit gehen kannst, ohne vom größten Teil der Welt abhängig zu sein? Du stehst morgens auf und gehst ins Badezimmer und greifst nach dem Schwamm, und er wird dir von einem Inselbewohner aus dem Pazifik gereicht. Du greifst nach einem Stück Seife, und du empfängst sie aus den Händen eines Franzosen. Und dann gehst du in die Küche, um deinen Morgenkaffee zu trinken, und den schenkt dir ein Südamerikaner ein. Und vielleicht willst du Tee: den schenkt dir ein Chinese ein. Oder vielleicht hast du gern Kakao zum Frühstück, und den schenkt dir ein Westafrikaner ein. Und dann streckst du die Hand nach deinem Toast aus - und der kommt aus den Händen eines englischsprechenden Farmers, vom Bäcker nicht zu reden. Und ehe du am Morgen dein Frühstück fertig gegessen hast, bist du schon von mehr als der halben Welt abhängig gewesen. So ist unser Universum gefügt, das ist sein auf Wechselbeziehungen beruhendes Wesen. Wir werden keinen Frieden auf Erden haben, ehe wir nicht diese gegenseitige Abhängigkeit alles Seins begreifen.

 

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 https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/002015.html


Heißzeit 70 Jahre zu früh

Zu warm im Norden: Permafrostböden tauen so schnell wie für 2090 prognostiziert. Grönland verliert 2 Milliarden Tonnen Eis am Tag.

Hitze in der Arktis überrascht Forscher

BERLIN taz | Hoch im Norden schlägt die Heißzeit immer stärker zu. Neue Studien legen nahe, dass die Eisschmelze in der Arktis in vollem Gange ist und immer schneller abläuft. Damit lässt sich an den Pol-Gebieten die globale Erhitzung so genau und direkt erfahren wie nirgendwo sonst.

In Grönland schmilzt nach einer neuen Untersuchung der Eispanzer bereits jetzt so schnell wie für Juli prognostiziert. Vergangene Woche verlor die Insel 2 Milliarden Tonnen Eis am Tag, berichteten Wissenschaftler. „Ungewöhnlich, aber nicht einmalig“, war das Urteil des Grönland-Experten Thomas Mote von der University of Georgia gegenüber CNN.

Bereits 2012 war ein Rekordjahr der Schmelze in Grönland, Wissenschaftler fürchten nun eine Wiederholung. Ungewöhnlich warmes und stabiles Wetter mit bis zu 20 Grad Celsius begünstigt den massiven Eisverlust. Besonders beunruhigt die Forscher, dass sich nicht nur die Gletscherschmelze verstärkt, sondern auch die Oberfläche des Eispanzers taut.

Ebenfalls alarmierende Nachrichten kommen vom Permafrostboden in der kanadischen Arktis. Einer Studie der Amerikanischen Geophysikalischen Union zufolge taut der besonders kalte Boden (unter minus 10 Grad Celsius) sehr viel schneller als in den Klimamodellen vorgesehen.

Serie ungewöhnlich warmer Sommer

„An allen untersuchten Stellen traf oder übertraf die maximale Auftautiefe seit 2003 die in einem Szenario des UN-Weltklimarats IPCC für 2090 prognostizierten Werte“, schreibt das Forscherteam um Louise Farquharson vom Permafrost-Labor des Geophysikalischen Instituts in Fairbanks, Alaska.

Eine Serie ungewöhnlich warmer Sommer und das Fehlen einer isolierenden Vegetationsschicht brächten die Eisschicht nahe an der Oberfläche doppelt bis fast dreimal so schnell zum Tauen wie in den Jahrzehnten zuvor. Der Boden senke sich deshalb um bis zu 90 Zentimeter, wenn das Eis darin schmelze und abfließe.

Bereits in den 2030er Jahren dürfte die Arktis im Sommer eisfrei sein

Wie sorgenvoll die Klimaschützer auf die Arktis schauen, hatte bereits im Frühjahr ein Bericht des UN-Umweltprogramms Unep klargemacht. Während sich die globale Atmosphäre seit 1880 bisher um 0,8 Grad Celsius erwärmt hat, steigen die Temperaturen in der Arktis doppelt so schnell an.

Schon bis 2050, so der Unep-Bericht „Global Linkages“, werden sie hier im Winter um 3 bis 5 Grad zulegen, bis 2080 sogar um 5 bis 9 Grad – „selbst wenn die Staaten es schaffen, ihre Treibhausgasemissionen so zu drosseln, wie es das Pariser Abkommen zum Klimaschutz vorsieht“.

In den 2030er Jahren Arktis im Sommer eisfrei

Die Folgen sind dramatisch: Seit 1979 ist das Meereis rund um den Nordpol um 40 Prozent zurückgegangen, bereits in den 2030er Jahren dürfte die Arktis im Sommer eisfrei sein. Ähnliches hatte auch der Bericht des UN-Klimarats IPCC vom Oktober 2018 prognostiziert – selbst wenn die Erderwärmung bei 2 Grad Celsius gestoppt werde. 2011 gab es 12,6 Tage weniger mit Schnee auf dem Boden auf dem eurasischen Teil der Polargebiete als 1982.

Die Erwärmung folgt dabei laut Unep einem Teufelskreislauf: Weniger Schnee und Eis bedeuten mehr dunkle Land- und Meeresgebiete, die sich stärker aufheizen, weil sie weniger Wärme reflektieren als weiße Flächen. Mehr Wärme führt zu einem Auftauen der bislang ewig gefrorenen Permafrostböden, aus denen die Klimagase Kohlendioxid und Methan aufsteigen – was wiederum die Erwärmung der Atmosphäre befeuert. „Ein schlafender Riese erwacht“, warnt der Bericht: „Neue Daten legen nahe, dass der Permafrost viel schneller auftaut als bisher gedacht.“

Was in der Arktis passiert, bleibt aber nicht dort: Die drastische Veränderung im Norden hat laut anderen Studien auch Einfluss auf die Wettermuster auf der gesamten nördlichen Halbkugel: Der Jetstream, das Band an Luftströmungen in großer Höhe, schwäche sich ab, so dass wärmere Luft weiter nordwärts und kältere Luft weiter südwärts als gewohnt strömen könne – mit Hitzerekorden im Norden, Kälteextremen im Süden und mehr Niederschlägen.

Unbeeindruckt von diesen Entwicklungen ist die US-Regierung. Als bei einer Sitzung des „Arktis-Rats“ der betroffenen Länder in Finnland im Mai der Klimawandel angesprochen werden sollte, verweigerte Außenminister Mike Pompeo dem Abschlussdokument die Unterschrift. Lieber betonte er, durch weniger Eis gebe es leichteren Zugang zu Öl- und Gasreserven und „Chancen und Überfluss“.

 


Tagesspiegel, Samstag, 4. Mai 2019

Volksinitiative will Klimanotstand für Berlin ausrufen lassen

Immer mehr Kommunen wollen etwas gegen Erderwärmung tun. Nun fordert eine Initiative, dass auch die Hauptstadt mitzieht. Sie hat prominente Fürsprecher.

 

Auch das Land Berlin soll demnächst den Klimanotstand ausrufen. Das will eine Volksinitiative erreichen, die am kommenden Montag an die Öffentlichkeit geht. Als erste deutsche Stadt hatte Konstanz diesen Schritt gemacht, nun soll die Hauptstadt nachziehen. 

 

„Es kommt langsam an, wie gefährlich der Klimawandel ist. Aber wie eilig es ist, dass wir handeln, ist bei der Politik noch nicht angekommen“, sagt Milena Glimbovski, Gründerin des Berliner Lebensmittelgeschäftes Original Unverpackt.

Sie ist eine von bisher drei Vertrauenspersonen, die die Volksinitiative benennen muss. Die beiden anderen sind Heinrich Strößenreuther vom Volksentscheid Fahrrad und die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer.

Es geht vor allem darum, dem Anliegen Gehör zu verschaffen

Sie fordern neben der Ausrufung des Klimanotstandes, dass Berlin sein politisches Handeln an das Pariser Klimaabkommen und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse anpasst. „Nach jüngsten Berechnungen müssen wir schon im Jahr 2035 klimaneutral sein – so fordert es auch Fridays for Future“, sagte Strößenreuther. 

Gemeint ist, dass sich der Ausstoß von Kohlendioxid und seine Aufnahme durch die Natur die Waage halten. Im Berliner Energiewendegesetz steht bisher nur, dass die Emissionen bis 2050 um 85 Prozent gesenkt werden müssen.

Wenn die Initiative Erfolg hat, müssen das Abgeordnetenhaus und die zuständigen Ausschüsse die Vertrauenspersonen anhören. Mehr nicht. Denn anders als bei einem Volksentscheid hat eine Volksinitiative kein Gesetz zum Ziel. „Dafür ist sie schneller“, sagt der Rechtsanwalt Marko Dörre, der die Initiative auf die Beine gestellt ha. Und ein Energiewendegesetz gebe es ja bereits.

Vorreiter ist Großbritannien

Die Chancen für die Volksinitiative stehen insofern gut, als sie nur 20.000 Unterschriften braucht, um erfolgreich zu sein. Und die Zahl der Unterstützer wächst nach Dörres Angaben schnell. Zuletzt sei die Generationen Stiftung hinzugekommen, eine überparteiliche Interessenvertretung für die zukünftigen Generationen. 

Konkrete Maßnahmen sollen dann schnell folgen: Bessere Angebote, um Autofahrer in den öffentlichen Nahverkehr zu locken, etwa ein Schnellbussystem, nennt Strößenreuther als Beispiel. Oder öffentliche Liegenschaften mit Grünstrom versorgen. Und überhaupt mehr Solardächer in der Stadt.

Vorreiter für die Ausrufung des Klimanotstandes ist Großbritannien. Nach Schottland und Wales hatte am Mittwoch das britische Parlament den Notstand ausgerufen. Die Erklärung hat zunächst nur symbolischen Wert. Aber das einflussreiche britische Klimakomitee empfahl am Tag danach konkret, Nullemissionen bis 2050 anzustreben.

Zentrale Forderung von Extinction Rebellion

Den Klimanotstand zu erklären, gehört zu den zentralen Forderungen von Extinction Rebellion , der „Rebellion gegen das Aussterben“. Die Bewegung, die von der schwedischen Fridays-for-Future-Gründerin Greta Thunbergunterstützt wird, hatte in den vergangenen Wochen mit spektakulären Aktionen Teile Londons lahmgelegt. In Berlin protestierten die Aktivisten zuletzt am Samstag gegen das Artensterben. Mitte April hatten sie die Oberbaumbrücke blockiert.

Die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon sagte am Montag, der von ihr erklärte Klimanotstand sei ein „öffentliches Versprechen“, gegen die Erderwärmung zu kämpfen. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung sei ein Treffen mit streikenden Schülern gewesen. 

Schottland werde bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes mit gutem Beispiel vorangehen, versprach Sturgeon. Dem britischen „Independent“ zufolge hatten schon mindestens 90 Landkreise in Großbritannien den Klimanotstand ausgerufen und sich zu mehr Klimaschutz verpflichtet.

„Warme Worte haben wir genug gehört“

Klimaschützer fordern schnelles Handeln: „Offensichtlich müssen konkrete Maßnahmen für die drastische und sofortige Reduzierung der Treibhausgasemissionen folgen“, sagte Wendell Trio Director des Climate Action Network Europe. 

So sieht es auch Georg Kössler, klimapolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus: „Warme Worte haben wir genug gehört“, sagte er. Noch habe sich seine Fraktion keine Meinung dazu gebildet, ob sie die Volksinitiative unterstützt. Ein Gesetz für erneuerbare Wärme aber sei auf dem Weg und die Grünen würden versuchen, in der rot-rot-grünen Koalition eine Solarpflicht für Gebäude durchzusetzen. 

Ein Masterplan Solar werde demnächst bei den Berliner Energietagen vorgestellt. „Die Stadt wartet mit Recht darauf, dass wir mehr machen“, sagt Kössler und deutet damit an, dass sich die Koalition auch seiner Ansicht nach schneller bewegen müsste.